UKW Abschaltung kostet Norwegen 20% der Hörer

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Am Donnerstag 30. August trifft sich die Schweizer Radioszene am Radioday. Dabei wird DAB+ und der Zeitpunkt für die Abschaltung der UKW Sender wieder ein Thema sein, auch dank Norwegen. Die UKW Sender in Norwegen wurden zwischen Januar und Dezember 2017 gestaffelt abgeschaltet. Wir haben die offiziellen Hörerzahlen zwischen 2016 und August 2018 ausgewertet:

UKW Abschaltung kostet Norwegen 20% der Hörer

Seit 2014 ist klar, die Schweizer Radiobranche will künftig auf DAB+ setzen und aus Kostengründen auf UKW verzichten. Spätestens 2024 soll der letzte UKW Sender abgeschaltet werden, gemäss letzten Informationen des Bakom eventuell aber schon früher, nämlich 2021.

20% Tagesreichweite verloren ohne UKW

In Norwegen zeigt sich nun, die Abschaltung von UKW führt zu signifikant tieferen Tagesreichweiten. Im Durchschnitt verliert das Medium ein Fünftel ihrer bisherigen täglichen Nutzer. 2016 war die Radiowelt in Norwegen noch in Ordnung und die durchschnittliche tägliche Radionutzung lag noch stabil bei knapp 70%. Im 2018 liegt die Tagesreichweite nun noch bei knapp 57%. Doch die Tagesreichweiten sind noch nicht stabil. Der Trend im 2018 ist weiter negativ. Im Sommer ist die Tagesreichweite erstmals seit Messbeginn unter die 50% Marke gefallen.


PMC Tagesreichweiten Entwicklung Norwegen

UKW ist nicht Schuld an DAB+ Schwäche

Die Annahme, dass UKW am nur langsamen Wachstum von DAB+ schuld sei, erscheint angesichts dieser Tatsachen als falsch. 20% der Norweger nutzen nach der UKW Abschaltung nicht die alternativen digitalen Verbreitungstechnologien, sondern verbringen ihre Zeit anders. Ob sie nun ausländische UKW Sender hören oder vermehrt andere Medien nutzen (Podcasts, Spotify, etc.), zeigt der KANTAR TNS Radiorapport nicht.

Norwegen Tagesreichweiten chronologisch

Schweizer Mehrheit hört noch via UKW

Die Gretchenfrage in der Schweiz: Sind die Schweizer Radiohörer bereit neue Geräte für die Radionutzung zu kaufen oder schalten sie einfach ab oder um? Die DigiMig Studie «Digitale Radionutzung 2017» zeigt, die Mehrheit der Schweizer bevorzugt auch 2017 immer noch UKW. 43% der Bevölkerung nutzt UKW, 32% haben auf DAB+ umgesattelt und 25% hören Radio übers Internet. Die DAB+ Info- und Werbekampagnen der Vorjahre haben bis anhin wenig daran ändern können.

Update: die neueste Ausgabe der DigiMig Studie Frühling 2018 hat diesbezüglich keine signifikanten Neuheiten zu bieten. Auch wenn im Titel von "63% der Schweiz hört digital" die Rede ist, zeigt ein genaueres Hinschauen, dass UKW immernoch bevorzugt wird:

RadioVektorenCH2018

In der Summe werden mehr digitale wie analoge Radio-Verbreitungstechniken genutzt. UKW ist aber auch im 2018 noch die meistgenutzte Verbreitungstechnologie. Ein Blick in die Zeitreihe der Studie zeigt: seit Herbst 2015 hat sich die Radionutzung in der Schweiz verändert und sie wird zunehmend digitaler. Die Digitalisierung findet aber trotz kostspieligen Werbekampagnen nur langsam statt. UKW ist auch 2018 noch die am stärksten genutze Zugangstechnologie.

Bundesrat sollte nochmals über die Bücher

Der Verlust von 20% der bisherigen Tagesnutzung, würde in der Schweiz heissen, dass nach der UKW Abschaltung die durchschnittliche Tagesreichweite von Radio von bisher 85% auf unter 68% sinken würde. Damit verliert die Schweiz sein schnelles und reichweitenstärkstes Alarmierungsmedium und Radio seine Leader Position bei den elektronischen Medien.

Ob der Bundesrat sich das mit der vorgezogenen UKW Abschaltung im 2021 nochmals überlegen will? Ich würde dringend dazu raten, die Situation in Norwegen weiter genau zu beobachten und zu analysieren, bevor man in der Schweiz vorzeitig UKW den Stecker zieht.

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Über den Autor:

Sandro Prezzi

Sandro Prezzi

Experte für Media, Digitalisierung und Integrierte Kommunikation.

Seit 2007 kommentiert Sandro Prezzi Entwicklungen, Trends und News der Schweizer Werbewirtschaft. Seine Hauptthemen sind Media, Integrierte Kommunikation, Medien-Forschung, Digitalisierung und Online Werbung.

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Kontakt: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.

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